JEANNE LANVIN

 

 

LA PETITE OMNIBUS

Jeanne Lanvin wurde am 1. Januar 1867 als ältestes von elf Kindern einer Familie aus einfachen Verhältnissen in Paris geboren. Seit ihrer frühen Kindheit wiesen ihre Unabhängigkeit und ihr starker Charakter darauf hin, dass ihr ein außergewöhnliches Schicksal bestimmt war.

Im Alter von 13 Jahren verdiente sich Jeanne ihr erstes Gehalt bei einem Modisten in der Rue du Faubourg Saint-Honoré. Ihr Auftrag bestand darin, mit dem Bus Hüte in alle Winkel und Ecken von Paris auszuliefern, doch die kleine Jeanne zog es vor, hinter dem Fahrzeug herzulaufen, um den Fahrtpreis zu sparen. Mit dem Spitznamen "La petite omnibus" machte sie schon damals auf sich aufmerksam und kletterte schnell die Karriereleiter hinauf.

Als harte Arbeiterin begann Jeanne Lanvin einige Jahre später ihre Ausbildung zur Modistin und erwies sich als außerordentlich kreativ. Die von Mademoiselle Jeanne entworfenen Hüte erfreuten sich eines durchschlagenden Erfolgs und Jeanne dachte bereits darüber nach, ihre eigene Boutique zu eröffnen.

Ein Traum, der sich für die junge Modistin im Alter von 22 Jahren erfüllen sollte. Dank der vielen erbrachten Opfer und ihrer Beharrlichkeit stattete "Lanvin (Mlle Jeanne) Modes" von nun an die modebewusstesten Pariser mit Hüten aus.

Jeanne Lanvin, circa 1900
© DR

Marguerite Beaulieu-sur-Mer, 1917
© DR

Kindermodelle Sablaise, 1924 und Bouclette, 1925
© Patrimoine Lanvin

Kindermodelle Sablaise, 1924 und Bouclette, 1925
© Patrimoine Lanvin

Werbung für Lippenstifte von Lanvin, 1938
© Patrimoine Lanvin

Zeichnungen der Kollektionen, Patrimoine Lanvin
Crapette design, Sport, Winter 1928

Zeichnungen der Kollektionen, Patrimoine Lanvin
La Mariée design, 1930

KUNST UND REISEN

Der Erfolg des Modenhauses ist ganz der Neugier, dem Erfindergeist und der kreativen Energie Jeanne Lanvins zu verdanken. Mit jeder neuen Kollektion strebte die Schneiderin danach, sich neu zu definieren, und ließ sich von allem, dass sie umgab, ihren Reisen und den Künstlern ihrer Epoche inspirieren.

Wenn Jeanne nicht an ihrer nächsten Kollektion arbeitete, reiste sie und nahm sich die Zeit, alles, was sie sah und was sie inspirierte, in sich aufzunehmen. Ihre zahlreichen Reisetagebücher behielt sie während ihrer Arbeit stets in ihrer Nähe, sorgfältig sortiert in den Bücherregalen ihres Büros.

Von Souvenirs abgesehen erstand Jeanne Lanvin Antiquitäten, Stoffproben oder auch traditionelle Kostüme der Länder, die sie oder ihre Nächsten bereisten: indische Saris, Kostüme aus China, Stierkämpferbekleidung, Stickereien oder auch ethnische Stoffe.

Ägypten, circa 1930
© DR / Patrimoine Lanvin

Auch wenn sie keine Frau von Welt war, öffneten ihre künstlerische Sensibilität und ihr kreativer Geist ihr schon sehr früh die Türen in die avantgardistischsten Künstlerkreise ihrer Zeit. Jeanne Lanvin traf sich regelmäßig mit Künstlern der Nabi-Bewegung, darunter insbesondere Édouard Vuillard, mit dem sie eine obsessive Leidenschaft für Farbe teilte.

Sie sammelte Werke von Renoir, Degas, Fantin-Latour, Fragonard und vielen Weiteren und stand unter dem starken Einfluss des Lichts der Impressionisten und des symbolistischen Werks von Odilon Redon. Diese künstlerischen Affinitäten kamen häufig in den Kollektionen des Hauses zum Ausdruck und weckten in Jeanne ihre Leidenschaft für Farbe, die sie 1923 dazu führte, ihre eigene Farbfabrik zu eröffnen.

Jeanne Lanvin bei der Anprobe mit Yvonne Printemps, um 1936
© DR / Patrimoine Lanvin

DER STIL LANVIN
 

Die Inspirationen Jeanne Lanvins waren zahlreichen Ursprungs, doch Eleganz, Feminität und moderne blieben stets die Schlüsselwörter ihrer Scheiderkunst.

In den 20er Jahren zeichnete sich das Modehaus Lanvin durch die Verwendung gewagter Farben in Kombination mit innovativen Dekortechniken aus. Bänder, Stickereien, Perlen und Details schmückten die Kleider, ohne dabei jeden Schnitt und die außergewöhnlichen Konzepte der Ateliers zu beeinträchtigen.

Die symbolischen Farben des Hauses, wie das Lanvin-Blau, wurden von einer häufigen Verwendung von Schwarz und Weiß ergänzt. Diese Kombination, die manchmal mit silbernen Akzenten versehen wurde, repräsentiert den Höhepunkt der Eleganz Mitte der 20er Jahre. Er entstand aus dem Streben nach Geometrie, das von der sich damals am Gipfel ihres Einflusses befindenden Bewegung des Art déco inspiriert war.

Zwischen 1925 und 1935 in den Ateliers von Lanvin gefertigte Stickereien und Perlierungen
© Patrimoine Lanvin

MADAME LANVIN
 

Den Erfolg ihres Schneiderhauses verdankte Jeanne Lanvin nur sich selbst und ihren langen Jahren harter Arbeit. Ihre diskrete Persönlichkeit und ihre Genauigkeit standen im Kontrast zu ihren berühmten Zeitgenossen.

"Madame", wie sie von ihrem Personal genannt wurde, war eine anspruchsvolle Chefin, die nichtsdestotrotz den Talenten ihrer Umgebung mit Vertrauen begegnete. Jeanne Lanvin war Autodidaktin und zeichnete nicht. Sie arbeitete viel mit Stoffen und tauschte ihre Ideen direkt mit ihren engsten Mitarbeitern aus, damit diese die Modelle realisieren konnten. Sie blieb stets rätselhaft und zog es vor, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuhalten und den direkten Kontakt zum Kunden während der Anproben einzuschränken.

Die Schneiderin hielt sich von Extravaganz fern und entwickelte sich in einem kleinen, intimen Kreis von Künstlern, Schriftstellern und Musikern. Man konnte sie nur selten auf einem Ball oder bei einem Pferderennen in Longchamp antreffen, und wenn dies einmal geschah, so war sie gekommen, um die eleganten Pariserinnen zu beobachten und ihre zukünftigen Modewünsche zu erkennen.

Denn Jeanne Lanvin war vor allem eine Visionärin, liebende Mutter und talentierte Schneiderin, der es gelang, aus dem Nichts ein berühmtes Modehaus aufzubauen, das noch heute auf der ganzen Welt gefeiert wird.

Am 6. Juli 1946 schied Jeanne Lanvin im Alter von 79 Jahren friedlich aus dem Leben. Jeanne, die Modistin, die Schneiderin, die Dekorateurin, die Parfumherstellerin, „Madame“, wie sie von ihrem Personal genannt wurde, hinterließ ein Imperium.


Jeanne Lanvin und ein Mannequin, 1935
© New York Times/Rea

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